gingen
swV.
‘hoffen, erwarten’ (vgl.
ginge
stM.):
div dinch, der wir gingen, daz ist vnsir herre, wan er wil selbe vnsir lon sin
PrGeorg (Sch)
21,20;
von den bruͦdern di nit verre inwec varint: der
bruͦder, der um ieclich antwurt wir gisant vnde dem tag wirt ginget
widerkomin [
qui ... ea die speratur
reverti
] zim munster, nit er giturre uzirtalb ezzin
BrZw
51
u.ö.
MWB 2 794,41; Bearbeiterin: Baumgarte
ginglapf
stM.
→
gineglapf
MWB 2 794,49;
ginnen
V.
durch Synkope und Assimilation entstandene vorsilbenlose Form zu
beginnen
(vgl. 2
5Mhd. Gr. § L 55, Anm.;
s.a. die Belegübersicht bei Haupt, Erec, 2. Ausg. 1871, S. 327-29); sw. Prät.
gunde, vereinzelt st. gan (
Mai
26,28 La.
).
‘beginnen’
ob iemant kumt her in mein lant, / und ir den ginnet fahen, / des solt du mir
zu pusse stan Virg (St)
522,10.
524,6;
des ser erschrak der frosche schar / und gunden sich durch
forcht zu grunde laßen Mügeln
65,8
u.ö.;
er gvnde si vil lern EvAug
91,11;
si gvnnden in ze biten ebd.
87,8
u.ö.;
FrlSuppl
5:220,11;
der muot im dô entslîfen began [La. gan
]
Mai
26,28
MWB 2 794,50; Bearbeiterin: Baumgarte
ginneren
swV.
→
inneren
MWB 2 794,63;
gînolf
stM.
vgl. auch
giemolf
.
jmd., dem der Mund offen steht (zu
ginen
), der den Mund zu voll nimmt ‘Vielfraß, Saufbold,
Gierschlund’
frâzheit, überezzen und übertrinken, als dise slünde, die dâ verswelhent
[verschlingen] friunt, êre und guot
[...] wan er hât sîn gewont, daz er ze allen zîten
ginolf wil sîn PrBerth
2:171,33
MWB 2 795,1; Bearbeiterin: Baumgarte
ginôt
M.
‘Aufreißen des Mundes, aufgesperrter Rachen (?)’ (vgl. AWB 4,274):
rictus: ginôd Gl
4:92,44
(BStK626);
rictibus: ginodun ebd.
4:158,12
(BStK391)
MWB 2 795,8; Bearbeiterin: Baumgarte
ginunge
stF.
‘klaffende Öffnung, Abgrund, Rachen’
si [die Hölle] heizet ouch Baratrum,
daz ist swarce ginunge. wen sie ginet biz an den iungesten dac, wie sie die selen
verslinden múge Lucid
9,3
MWB 2 795,11; Bearbeiterin: Baumgarte
giplîn
stN.
Dimin. zu erst später belegtem
gippe
stswF. ‘langes oder kurzes Oberkleid in der Art
eines Wamses oder einer Jacke’ aus afrz. gipon (vgl. Kühnel,
Kleidung, S. 89; FWB 6,2188 und Anm.z.St.; zumindest teilsynonym →
joppe
, →
schanz
; s.a.
gippentuoch
):
nû sage mir: kême ein grôzer herre zuo dir, der dich von dem tôde
erlœset hette, und von grôzer liebi die er zuo dir hette sô wêre er komen und
hette ein schenzelîn, ein giplîn, an geleit, daz er deste mê sich dir gelîchete und
deste baz dir heinlich möhte sîn PrNvStr
262,33
MWB 2 795,16; Bearbeiterin: Baumgarte
gippe
stF.
‘Gabe’ (vgl.
gëbe
,
gift
):
Alexander und Philippe / lebten so kristenliche, daz in got stiure gap mit
richer gippe JTit
6119,2;
sin edel art di gippe im gap, so daz unpris ie wart verderbet ebd.
1457,2;
sin tot im jamers gippe gap ebd.
2871,2
u.ö.
MWB 2 795,28; Bearbeiterin: Baumgarte
gippengappen
V.
ablautendes Wortspiel ‘geben’
‘ich kan iu niht gezeigen / des mînen guotes mêr / wan Riuwental mîn
eigen; / daz brâht mîn muoter her. / frouwe, daz wil ich iu gippen gappen’
‘herre, daz sult ir iu hippen happen’ Neidh (HW)
66,27
MWB 2 795,33; Bearbeiterin: Baumgarte
gippentuoch
stN.
‘Stoff für eine gippe (vgl.
giplîn
), ein wamsartiges Kleidungsstück’
swie kostelîch, swie reine / von golde purpur sîden schein / ein wâpenkleit
wart dâ als ein / gippen tuoch gehandelt Reinfr
7373
MWB 2 795,39; Bearbeiterin: Baumgarte
gips
stM.
‘Gips’
bi der varbe [des Speichels]
erkennet man ob di gift von blîwîz ist oder von gips SalArz
73,53.
3,39;
din [Marias] schamel
[Schemel] niht gemachet ist / von holze noch von
gipse KvWGS
1842;
Ipocr
157;
VocClos
Gi12
MWB 2 795,44; Bearbeiterin: Baumgarte
gipsære
stM.
‘Gipser, Tüncher’ (vgl. DWB 4,1,4,7541):
mit rate vnsirs capitels, vnsirre gothus dienestmanne, vnsirs rates, vnsirs
gidigenes [Gemeinschaft der Dienstleute] gemeinlich, der
murer, der gipser, der zimerlute, der vasbinden, der waginer, der wanner, der
trehsil zúnf UrkCorp (WMU)
155,5
MWB 2 795,49; Bearbeiterin: Baumgarte
gipsîn
Adj.
hier gipsen.
‘aus Gips’
gypseum est gipsen Gl
3:388,43
(BStK726);
accipe lapidem specularem id est gypsen ebd.
4:649,21
(BStK948)
(lapis specularis, ‘Marienglas’, ist eine bes. Art des
Gipskristalls)
MWB 2 795,56; Bearbeiterin: Baumgarte
gir
Adj.
auch gër (z.B. Wig ) und gijr
(
HagenChr
1294
).
‘begierig, verlangend, gierig’
der gire man VMos
75,11;
den giren ubelen willen sin ebd.
75,23;
in wirt so ger beiden dar / durch die liebe des wibes, /
[...] / daz si beginnent prinnen / von der hitze der
minnen StrKD
68,104;
zu ezzen ist mir so gir, / daz ich daz leben kume han
StrKD
58,II 172;
di helede von Tyre, / des lebenes vil gîre, / di fuhten sô di
wilden swîn SAlex
1316;
Ägidius
168;
ze strîte was in beiden ger Wig
7351;
lâ dir sagen mêr. / wis an die vînt niht ze ger Helbl
15,274.
– subst.:
der [König] was der êren gar ein gir, / geheizen was
er Avennir LBarl
69
(vgl.
êrengir
)
MWB 2 795,61; Bearbeiterin: Baumgarte
gir
stF.
auch gier.
bezeichnet allg. einen inneren Antrieb ‘Bedürfnis, Verlangen, Begierde’ (vgl.
begir
,
begirde
,
gër
,
girde
); in den meisten Verwendungen kaum von
gër stF. zu unterscheiden.
– bezogen auf natürliche Bedürfnisse und Impulse:
nu begunde hungerlichiu gir / Rennewarten wisen da daz brot /
lag Rennew
10730;
wer des [Sees] trinkt, der wirt
enzünt mit der prunst der unkäuschen gir BdN
483,16.
422,20
u.ö.;
daz selbe süeze kint truoc ir / als süezelîche kindes gir, /
als ein kint sîner muoter sol Tr
1938;
durch iwer zuht lât zornes gir Parz
89,12;
bei Wolfram in der Wendung die ~ verhaben für den Jagdinstinkt
des Falken, der durch die Kappe unterbunden wird (meist übertr.):
der dem grimmen vederspil die gir / verhabt Wh
317,6.
317,9;
ein wîp mac wol erlouben mir, / daz ich ir neme mit triuwe war.
/ ich ger – mir wart ouch nie diu gir / verhabet –, mîn ougen swingen
dar MF:Wolfr
3: 1,3;
Parz
420,24.
– negativ gewertet ‘Gier, Begierde’
den wil Satanas [...]cheren uon der guͦte mit
der ubirmuͦte, / etlichen mit der kîre, etlichen mit nide GenM
17,29;
Gen
551;
swaz man in der welte siht, / des gert diu vleischlîche gir.
/ der ougen wünne lît an ir RvEBarl
4447;
wertlich [l. werltlich
]
gir und unrain geluͤst PrOberalt
5,22;
diu gir nâch grôzem guote vil bœsez ende gît
NibB
1554,2.
– bezogen auf ein Streben, Wünschen oder eine Sehnsucht, meist in positiver
Wertung (oft herzen gir):
sîn gir stuont nâch minne / unt nâch prîss gewinne
Parz
736,1;
die helde treip der grimme zorn / zem strîte und mänlîchiu
gier Wig
10943;
der [der Hl. Geist] ist dir bî nâch
dîner gir, / ob dû mit guotem herzen in / laden wilt in dînen sin
RvEBarl
6832;
oft das höfische Minnebegehren:
och sagt uns d’âventiur von ir, / si wære ein reizel
minnen gir Parz
508,28;
mîn hôhe minne gernde gir / daz herze mîn unsanfte treit
KLD:UvL
9: 3,3;
friuntlich umbevang / [...] / möcht
der werden mir, / tougen nâch mîns herzen gir, / trûren mich verbære SM:
Ro
7: 3,5;
‘Absicht, Trachten, Wille’
rotes goldes hundert pfund [als
Belohnung] . / die gib ich dir all hie zu stund / williclich mit
guter gyer HvNstAp
945;
an uns wirt niemer vollebrâht / iuwer unrehtiu gir
RvEBarl
7873.
– selten bezogen auf einen geäußerten Wunsch ‘Bitte, Forderung’
dîn wille ervüllet werde an uns nâch dîner gir / hie als in
himelrîche durch dîn êre KLD:Kzl
18: 0,5;
mit willen ich gehôrsam bin / dîner lêre und dîner gir
RvEBarl
6109.
MWB 2 796,11; Bearbeiterin: Baumgarte
gîr
stM.
(sw.
Boner
7,21
).
‘Geier’
etleich sprechent, daz uns mangeu tier übertreffen an den
fünf sinnen: [...], der geir mit dem smack (wan der smeckt
daz âs gar verr) BdN
118,17;
er [
Jeronimus
] des jach,
sô manich ercenîe wær an dem gîr, same manich lit er hât Barth
154,27
u.ö.;
valsch geziugen stalt er dar, / die des schâfes vîgent wân: / (swie sölt daz
recht dâ für gân!) / ein wolf, ein gîrn, ein wîgen Boner
7,21;
Gen
1551;
Parz
387,26;
KvWLd
32,297;
vultur: gúre, avis VocClos
Vu23.
– auch als Bestandteil von Personennamen:
Oͤrtolf der Geyer UrkCorp (WMU)
747,31
MWB 2 796,61; Bearbeiterin: Baumgarte
giraffe
swF.
‘Giraffe’ (vgl. auch schraffe swM.):
do sint ouch vil giraffin di sint gar schone an czu seen, si han lange helse
und di vordirstin beyn lenger wen dy hindirstin MarcoPolo
70,16.
72,6
MWB 2 797,10; Bearbeiterin: Baumgarte
gîralt
stM.
‘Spielmann, Gaukler’
der was eyn groes gebrechte / der gyralde ind varender luden Karlmeinet
296,4;
da deͥ meystere deynint [den (pflichtmäßigen) Amtsschmaus
geben (vgl. Schiller-Lübben 1,503)] , da in solin ingeyne gyralde
syn, nog man nog wif, dan veyre UrkKölnAmtl
59
(a. 1320);
gyralde, de spelude heysent ebd.
116
(um 1320?)
MWB 2 797,14; Bearbeiterin: Baumgarte
girære
stM.
‘Habsüchtiger’
wie mach ein unreiner unkuschere. gyrere. wuͦchere. diep.
ruͦbere. trenkere. luͦgenere. meineidere. mordere. verretere. der
selden oder nimmer niht guͦtes tuͦt. wie mach der arme suͦndere
gesprechen daz er guͦten willen habe. der mit susgetaner bosheit uͦbet
bose werk? PrLpz (L)
53,40;
Mechth
5: 23,131;
wi ouch ste der selbe lebn, / is sy heilic unde gut / und vor wandel wol
behut, / nicht si besiczen guten tac, / vuln si nicht der gyrer sac TvKulm
3774.
–
alsolche girêre [die ihr Herz ganz mit Gott füllen
wollen] , / die sint gote vil mêre, / sie gebent der werlde guoten
kouf / unt sament tugende grôzen houf EbvErf
4609
MWB 2 797,22; Bearbeiterin: Baumgarte
girbe
F.
‘Winde, Haspel’
gyrgillus: girbe Gl
4:186,63
(BStK938)
MWB 2 797,36; Bearbeiterin: Baumgarte
girde
stF.
auch gërde (z.B.
LivlChr
36;
Daniel
5898
).
bezeichnet allg. einen inneren Antrieb ‘Bedürfnis, Verlangen, Begierde’ (vgl.
begir
,
begirde
,
gër
, gir); Schwerpunkt in geistlichen
Texten, in höfischen Texten selten und spät.
– bezogen auf natürliche Bedürfnisse:
swenne si des ersten swanger werden so sal man bewarn
[verhindern] , daz in imant vornenne di spise, der man
zu der cit nicht gewinnen mac. wan si gewinnen groze girde nach der spise
SalArz
65,26;
den vogeln gab er spise, / den dar nach stunde ir girde
Minneb
5201.
– negativ gewertet ‘Gier, Begierde’
die enphliehent des tîefales chelen nieht. die der nach
werltlichen girden lebent JPhys
15,10;
der oren habe, der hore daz / und laze manslacht, roub,
girde, haz HeslApk
4282;
also schuln wir tvͦn, so uns div girde rihtvͦmes
begrîffi Spec
9,12;
VMos
72,27;
owê, daz iemer wîb ir êr engentzet / dur valscher minne girde
SM:Tu
1: 2,6.
– in neutraler oder positiver Wertung bezogen auf ein Streben oder eine
Sehnsucht (oft herzen girde):
unsern muͤt und alle unser girde, / die waize
er [Gott] baz denn wir StrKD
12,245;
er git reinez gemute, / todes vorhte, gotes minne, / rehtes
girde, rehte sinne Wernh
D 2758;
si beide sich dâ flizzen / ûf ritterlîche wirde: / mit edels
herzen girde / zesamne si gesprancten KvWTurn
198;
dû solt nâch dîner girde / dâ vinden ein erwünschet leben
KvWTroj
18910;
ez ist mins herzen girde / daz ez [meine
Taufe] geshehe in kurtzer vrist Rennew
2212;
so wizze, bruͦder Rennewart, / daz ich muͦz
des todes vart / durch ir minne girde varn ebd.
24865;
zarter herre mine, [...], min herz
soͤlte dich han gemeinet mit gantzer girde Seuse
298,15.
– bezogen auf einen geäußerten Wunsch ‘Bitte, Aufforderung’
dâ von sô wil ich unde sol, / swie leide mir dar an
geschiht, / erfüllen iuwer zuoversiht / und iuwer girde nû zehant
KvWTroj
22849;
nach diner
gerde [:werde
] / wizze, daz daz vierde wilt
/ ist des vierden riches schilt Daniel
5898
MWB 2 797,38; Bearbeiterin: Baumgarte
girdelich
Adj.
‘wünschenswert, begehrenswert’
unde fur nihte heten si erde die girdlichen [interl. zu
terram desiderabilem
]
PsWindb
105,24;
dei urteile des herren wariu rehthaftigitiu an sih selbiu. girdlichiu
[interl. zu desiderabilia
] uber golt unde
stein den tiuren ebd.
18,11
u.ö.
MWB 2 798,14; Bearbeiterin: Baumgarte
girden
swV.
auch gerden.
‘begierig sein, verlangen’
sehent, wie sin hant vnd sin fúsz / nach mordes werck girdet
Krone
24537;
min herze nach siner truͥwe girdet
TürlArabel
*A 210,6;
die miner herbergen gerden, / vil selden ich di werthe
SüklU
57;
UvZLanz
2859.
– subst.:
zuosamen was ir [der Ritter] gerden. diu swert sie
geviengen Wigam (B)
609
MWB 2 798,20; Bearbeiterin: Baumgarte
girdic
Adj.
‘verlangend, (be-)gierig’
sein edel hertze wirdich / tzu gueten sachen girdich / was Suchenw
13,164;
swie daz ich nu leider sî / der êren gar unwirdic, / sô muoz mîn herze girdic
/ doch sîn nâ hôhen dingen Reinfr
3234;
swâ sin nâ hôher minne / ist mit luste girdic, / ist dâ daz herze wirdic / sô
lobelîcher minne, / diu minne tuot dem sinne / mit gedenken dicke wol ebd.
1115.
–
man solte dich in eine gruobe / nu lange han versenket /
[...] / wan du bist gar girdig / so lesterlicher fuore
MinneR 418 (M)
126
MWB 2 798,28; Bearbeiterin: Baumgarte |