kappëlle, kapëlle,
kappel
stswF.
‘kleines Gotteshaus’, auch von als Sakralraum dienenden Zelten (vgl. allg.
Masser, Gotteshaus, S. 109-113):
hœret messe in der kappellen mîn Wh
278,7;
diu [Lunete] stât an ir gebete / in
der kapellen hie bî Iw
5887;
dieselb cappell und die altar darinn geweycht worden sind in
der eere dez hayligen himelfürsten sant Anthonien StRAugsb
270,17;
Pass I/II (HSW)
12744;
Lanc
214,7.
366,14
u.ö.;
StatDtOrd
42,21;
JTit
6251,1;
sy giengen mit ain anndern dan / zuͦ der kungin kappel: die waz / geschlagen
uff daz grün graß PleierMel (St)
11249;
ez [das prachtvolle Zelt] was von rîchem bûwe wol:
/ [...] / ein kappelle, dâ man inne sanc, / mit heiltuom
wol berâten Virg
127,5;
Parz
669,5.
–
du [Maria] bist ein lebendiu cappel,
/ diu got ist wol gewidemet KvWGS
1242.
– nicht-christlich:
vor Troye ain capelle was / da man sang unde lass / alle tage
inne / der vil hochen Minne; / das husse hiess templum veniss [l.
Veneris? vgl. App.z.St.]
GTroj
19317;
sîne [des Perserkönigs Darius]
kapellen / hât er dâ bî [im Heerlager] , diu was vil rîch /
an rîcheit dem gezelt gelîch. / von silber drinne ein alter was / dar ob man sanc
unde las / ze dieneste gar sînen gotn / als ez was sîner ê gebotn
RvEAlex
5374;
sie [die wîssagn des
Perserkönigs] truogen die kapellen vor / in dem her vil schône
enbor ebd.
5383
MWB 3,1 148,33; Bearbeiter: Richter
kappellhof
stM.
‘zu einer Kapelle gehöriges Wirtschaftsgut’
die brudere des dutzschen hues zu Winheim, die in dem cappelhofe wonent
DRW
7,309
(WeinheimGBl.; a. 1308)
MWB 3,1 148,61; Bearbeiter: Richter
kappellhûs
stN.
‘Kapelle’
stain vnd holtz einer zerprochen kirchen, die sol man tuͦn ze einer andern
kirchen, oder zu andern haͤusern die einer kirchen dienent oder einem chloster, als
ze chraͤutzgengen oder ze slafhaͤusern, oder ze chappell haͤusern
RechtssA
K35,15
MWB 3,1 149,1; Bearbeiter: Richter
kappellier
stM.
→
kappelære
MWB 3,1 149,7;
kappëllîn
stN.
Dimin. zu
kappëlle
, auch umgelautet keppelin.
‘kleine Kapelle’
ein einsidel [...] fuorte sü [die
Verstorbene] mit im hin us / und begruop sü in sin kapellin [
:sîn
]
ParzRapp
397,21
u.ö.;
und [ich] nam daz fuͦstuͦch und
leite es in min keppelin nebent minen stuͦl, da ich es dick mit ussern und mit
innern oͮgen an siche Seuse
443,17
MWB 3,1 149,8; Bearbeiter: Richter
kappelsoum
stM.
Gepäck mit liturgischen Geräten oder einer Zeltkapelle:
bî dem kappelsoume er [Hagen] den
pfaffen vant. / ob dem heilectuome er leinte an sîner hant NibB
1575,1
MWB 3,1 149,16; Bearbeiter: Richter
kappeltrëten
stN.
‘Kirchgang, Besuch des Gottesdienstes’, hier wohl euphem. für sexuelle
Handlungen:
ich czyͤ mit uch kegen Francken / mit uwer frawen kapeltreten, / ich helf ir
ouch den flachz geten / und dar czuͤ dyͤ maͤn ryben, / alz man tuͤt den jungen wiben
OsterSpI
467
MWB 3,1 149,20; Bearbeiter: Richter
1kappen
swV.
‘(die männl. Geschlechtsteile) abschneiden’ (zu
kappe
swM., vgl.
kappûnen
):
ir saget von im [Saturn] , daz in
besnite / nâch eines kappen [Kapaun] site / Jupiter ân
alle wer / und daz er wurfe in daz mer / dar an im gekappet wart
RvEBarl
9913
MWB 3,1 149,26; Bearbeiter: Richter
2kappen
swV.
‘mit einer kappe kleiden’, nur präd. als Part.Prät.:
welhes ist der appet? / ir sit so glich gekappet / daz niht
min sin gekennet / wen man hie appet nennet Rennew
10746;
priester, prior unde appet, / swie sie sam sint gecappet /
gra, swarz, selbvar oder wiz HeslApk
5830
MWB 3,1 149,32; Bearbeiter: Richter
kappengëlt
stN.
‘Kapaunenzins’, eine Abgabe, Grundzins:
vnd das wingelt vnd kappen gelt sol man ime geben von Schafusen bi Bezzingen,
vnd sol man ime den win vnd die kappen alle wege ze sante Martins mes geben
UrkCorp (WMU)
2726,6.
N218,29;
wir [...] tuͦnt kunt, [...]
dass wir [...] hant gemachet [...]
den zehenden zuͦ Eberbach, zinse, phenninggelt, cappengelt, huͤnregelt, phengnuͤsse
von den vorgenanten guͤtern UrkElsLoth
8,180
(a. 1349);
weitere Belege s. DRW 7,418.
MWB 3,1 149,38; Bearbeiter: Richter
kappenrunzel
stF.
Falten in der Mönchskutte:
vil me wellet ir [die gottlosen, gierigen
Mönche] walden / slafins, ezzins, tranc in gir, / cappin runtzil me
dan zwir [mehr als zwei, d.h. vielfältig gefaltet] , / gra,
wiz, swartz, swie sie nu sint Daniel
2738
(vgl. Anm.z.St.)
MWB 3,1 149,48; Bearbeiter: Richter
kappenspitze
swF.
(Kapuzen-)Zipfel einer Mönchskutte:
ein kappe wart im [dem Sünder] an gezogen. / dô kam
der tiufel dar geflogen. / dô er sîne friunde üm in sach sitzen, / er greif im an
die kappen spitzen Renner
16984
MWB 3,1 149,54; Bearbeiter: Richter
kappenstein
stM.
Stein aus dem Magen eines Kapauns (vgl. hanenstein, zur Sache s. Hwb.
dt. Abergl. 4,968f.):
calcedôn ist nâhe gelîch / dem kappensteine wærlîch. / swâ ein
strît sich heben wil, / ir sî wênic oder vil, / bringet man in dar enzît, / sô
zergât der strît Volmar
566
MWB 3,1 149,59; Bearbeiter: Richter
kappûn
stM.
(swstM.
ZweiBlinde
85.
100
u.ö.), auch kapûn, cappân;
von afrz. chapon (vgl. Vorderstemann, Fremdw., S. 128f.).
‘Kapaun, kastrierter (Mast)hahn’ (s.a.
kappe
swM.):
gallus gallinacius haizt ain cappân und haizt dike in der
geschrift pepo, daz ist ain han, der seinr gezeuglein beraubt ist, und spricht man,
si werden snell vaizt BdN
196,20
u.ö.;
waz der han / und der capûn an in besunder / haben bezeichenlicher wunder
Renner
19727;
der pfâwe vor im gebrâten stuont, /
[...]. / den kapûn, den vasân, /
[...] begund er mîden Wh
134,12;
als er den chapounen enpfie, / wol gemuot er von dannen gie
ZweiBlinde
109.
– übertr.:
zeim kapûn mit eime snite / wart Clinschor gemachet
Parz
657,8;
ain maiden oder ain cappaun (daz ist ain man, der seinr
gezeuglein niht hât) der ist pœser siten, wan er ist tôrocht und geitich und
übernemend BdN
52,28.
197,2
MWB 3,1 150,1; Bearbeiter: Richter
kappûnen
swV.
‘etw. (ein Tier) kastrieren’ (vgl.
1kappen
):
des kälbleins [Hirschkalbs] flaisch
ist pezzer wan des hirzes, und wirt ez gekappaunt, sô ist ez noch pezzer
BdN
131,16;
der stain wechst in ains hanen magen wenn man in kappaunt
nâch drein jâren ebd.
435,2
MWB 3,1 150,19; Bearbeiter: Richter
capût (?)
stN.
→
kapît
MWB 3,1 150,25;
capûte
swF.
‘Kapuze, Mantel mit Kopfbedeckung’, hier als Bestandteil eines
Personennamens, vielleicht für den Mantelschneider (vgl. Nölle-Hornkamp,
Handwerkerbez., S. 371):
Heince Capute von Rodesheim UrkCorp (WMU)
N125,2
MWB 3,1 150,26; Bearbeiter: Richter
kar
Adj.
‘traurig’, der ~ vrîtac
‘Karfreitag’ (s.a.
karvrîtac
):
an dem karen vritage, / al da
orringete [schmückte] in di gute [die
‘Mutter’ Christi, die judenschaft
] , / sich, mit sines selbes blute Brun
10197
MWB 3,1 150,31; Bearbeiter: Richter
kar
stF.
‘Jammer, Trauer, Wehklage’
do wart ein jæmerlichiu kar / von der vrawen muͤnden
WhvÖst
5242;
si quelte sich mit grozzer kar ebd.
5501;
der samztac was ir [der Juden] vîre
kar JvFrst
7839;
so ich niht by ir mag gesin, / so sen, so sen, so sen ich
mich / nach ir so rechte seneclich / und han nach ir so große kar, / daz ich wird
aller wunnen bar Minneb
4955
MWB 3,1 150,36; Bearbeiter: Richter
kar
swSubst.
ein Musikinstrument (auf dem Schlachtfeld):
herhorn, busunen, karn / von haiden wart erschellet vil
WhvÖst
17470
MWB 3,1 150,44; Bearbeiter: Richter
kar
stN.
‘Gefäß, Schüssel’
ich betrahte iezunt umbe salz, / so sorge ich denne umbe smalz. / beide hevene
unde kar / wirt man wenig bi mir gewar KgvOdenw
13,15;
do newolde er di magit nit leidigen wande er hiz ime daz houbit abe slahin.
vnde hiz ez brengen in eineme kare vnde hiz ez der magit geben PrMd
24;
si [das hofgesinde
] trugen [dem Alexius] ze speise dar / daz
spuleich [Spülwasser] in der swein char
AlexiusC
226;
PrBerth
1:85,22;
HvNstAp
11753;
EvAug
30,21.
– als Maß für Abgaben:
daz sie im helfen wellen alle jar mit sehs vnd tzwaintzigk phunt hallern, mit
tzwaintzich kar korns, mit sehtzehen kar hebreins maltzz vnd mit sehtzehen kar
habern vnd mit ainem kar arbaiss, mit ainer scheiben saltz vnd mit ainen groben tuch
UrkHohenz
3,177
(a. 1348);
Rvberdorf giltet drizic pfenninge vnde driv kar.
Michelndoverch giltet sibenzehen kar vnde sehs schillinge ane zehn pfenninge.
Kalnberc fvnfzehen pfenninge vnde anderhalp kar UrbBayÄ
1606.
1648.
1666.
–
‘Bienenkorb’ (s.a. bînkar):
man siht in Ôsterrîche zuo dem milden vürsten var / vil manigen werden gernden
man, die er tuot kumbers vrî, / alsô die bîne zuo dem kar / mit vreuden vallent, ob
ir rehte wîsel darinne sî Wartb
Fl 11,11.
– zum Schüren eines Feuers:
der dracke [...] hette ainen weytten
giel [Rachen] . / das fewr im dar auß viel / als es
geschürt wär alldar / mit ainem ungefugen kar HvNstAp
8462
MWB 3,1 150,47; Bearbeiter: Richter
kâr
stF.
→
kêre
MWB 3,1 151,12;
karacter
stM.
wohl unter afrz. Einfluss auch karacte swM. (
Parz
470,24;
Reinfr
21672(La.)
).
1
‘Buchstabe, Zeichen’
2
‘Kennzeichen, Prägung, Gepräge’
1
‘Buchstabe, Zeichen’
Kyôt der meister [...] vant / in
heidenischer schrifte / dirre âventiure gestifte. / der karakter â b c / muoser hân
gelernet ê, / ân den list von nigrômanzî Parz
453,15;
an des steines drum [Rand] / von
karacten ein epitafum / sagt sînen namen ebd.
470,24;
er lêrte in die karacter ê / in kriecheschem daz abc UvEtzAlex
1277.
– (magische oder heilige) Zeichen mit übernatürlicher Wirkung:
all die maister, die in der zauberkunst lêrent,
[...] sprechent, daz die götter und die gaist, die
man anruoft mit pildengeschrift, die karacteres haizent, und mit insigelgraben,
oder daz graben, daz man in vingerlein tuot, die zaubrær dester ê erhœrnt, wenn
si in weirach opfernt BdN
377,23;
[der Kaiser beschuldigt den Hl. Georg:] ir habt
karacterschrift [La. karatheres geschr.
] gelesen, / und beswert den tiuvel Georg
1830;
GFrau
2437;
KvWTroj
10558;
Reinfr
21672.
– hier für das christl. Symbol des Kreuzes (vgl. FrlWB S. 181):
der kracter [d.i. karacter
] hat so starc gevider, / gein siner vetchen
[Fittiche] winken / varn uf des himels klinken
[springt die Himmelstür auf]
Frl
2:16,14
2
‘Kennzeichen, Prägung, Gepräge’
kein mensche sô grôze sunde mochte getân haben, sturbe her zu hant sô he
getouft wurde, her fure âne fegefûr in daz êwige leben; wan si
[Taufe] wirket ein karacter in der sêle, daz man
nummer geanderweiden [wiederholen] indarf
HvFritzlHl
53,38;
wan als ir híe gewirdet unde geêret sît, als vil sît ir dort in den êwigen
freuden geêret; wan swenne man iuch wîhet, sô wirt ein karacter gedrücket in iuwer
sêle PrBerth
1:362,7;
ach Mynne, [...], / wo also din
gestrakter / minnen sußer karackter / wirt in wider mynne gedrukt, / da selbest
alles truren tuckt / und kan do niht beclyben Minneb
1340.
–
den smit dâ mit [mit der Bitte, aus dem
Wachsabdruck eine Kopie des Schlüssels anzufertigen]
erschracter, / wan im die karacter / wâren alzu meisterlich
HvFreibTr
5988
MWB 3,1 151,13; Bearbeiter: Richter
karacterbuochstap
stM.
‘Buchstaben, Zeichen’
di buchstaben schribe ich uch sa: / m. darnach ein a. r. i.
und a. / [...] / mit desen karakterbuchstaben was / di
arche gelimet Brun
3383
MWB 3,1 151,54; Bearbeiter: Richter
karacterschrift
stF.
‘Zauberschrift’
[der Kaiser beschuldigt den Hl. Georg:] ir habt
karacterschrift gelesen, / und beswert den tiuvel Georg
1830
MWB 3,1 151,58; Bearbeiter: Richter |