klëbelîcheit
stF.
‘Anhaften, Hängen an (weltlichen) Dingen’ (s.a.
aneklëbelicheit
):
do dise vernúwunge sol geschehen, do muͦs die nature ir
selbes verloͤigenen und under getruket werden in aller kleblicheit und anhenglicheit
do si sich an vint Tauler
377,11.
223,21
u.ö.
MWB 3,1 324,12; Bearbeiter: Richter
klëben
swV.
auch gekleben (
JTit
6152,4
).
‘hängen (bleiben), haften, festsitzen’, oft mit präp. Erg. oder Pron.-Adv.,
z.B. (dar)ane (s.a.
kleiben
)
1 eigentl. 1.1 allg. 1.2
‘kleben’ (von klebriger Masse) 1.3 übertr. (nicht immer klar abzugrenzen) 2 in Vergleichen
1
eigentl.
1.1
allg.:
do gesach der herre Abraham einen wider
[Widder] chleben under den dornen bî sinen hornen
Spec
102,28.
52,29;
JvFrst
8608;
si [Maria] sach dô daz kriuz ûf heben / und ir
sun dar ane kleben / mit nageln vast dar an geslagen Philipp
7293.
7687;
Pass I/II (HSW)
24167;
sich lie ze tode sniden / daz fleisch daz an
ir [der Gottheit] clebte, / swaz aber an ir lebte
/ von götelicher heilekeit, / daz het an sich die craft geleit / diu niemer kan
ersterben KvWGS
1637;
WernhMl
555;
PrBerth
1:416,6
1.2
‘kleben’ (von klebriger Masse):
den selben lettun tet er ze âdaren. / uber ieglich lit er
zôch den selben leim zâch, / daz si vasto chlebeten, zesamene sich habeten
Gen
194
(entspr.
GenM
7,17
);
dar zuo wirt iu von mir gegeben / ein lîm, der kan sô
vaste cleben, / daz sich von sînen kreften / kein sache mac entheften, / diu mit
im berüeret wirt KvWTroj
9258;
du bist noch tumber denne ein rint, / daz du dich harter
denne ein chint / betroufet mit dem muse hast / und des so vil da chleben last,
/ daz mir daz ezzen widerstat StrKD
95,20;
KarlGalie
11898.
– von Blut bzw. Gift:
dort da ich wart erslagen, / da clebet noch min
heilic blut Pass I/II (HSW)
20535;
daz hemde dur sîn bluot gezogen / gap ir der
tôtwunde man. / dâ klepte gifte ein wunder an, / diu von dem pfîle was
bekomen, / der im gezücket und genomen / daz leben hete bî der zît
KvWTroj
38150
1.3
übertr. (nicht immer klar abzugrenzen):
solten alle flüeche kleben, / sô müesten lützel liute leben
Freid
130,12;
das meinet si: wie vil man irdenscher dingen hat, das es
doch den menschen nit ze herzen clebet Mechth
7: 48,35;
Cristus sprach zuͦ sinen jungern, die an siner biltlicher
gegenwurtikeit ze vast kleptan Seuse
156,7;
in ir sinne klebete / diu zuckersüeze minne KvWEngelh
3144;
die brüeder wunderte sêre / und die arzte michels mêre, / daz sîn geist
mohte geleben / und in sô tôtem fleische kleben LvRegFr
3814;
Tr
9406.
17524;
KvWTroj
4429;
WernhMl
1441;
KgTirol
40,6.
– attr. Part.Präs.:
hilf uns von dem wâge unreine / clebender sünden zuo
dem stade KvWLd
1,126
2
in Vergleichen:
daz arme kint wart ninder lût / und klebete als ein bîe an ir
Mai
184,17;
ir offenlîchiu mære, / mit den si wunder kunden, / diu
begundens under stunden / mit clebeworten underweben; / man sach dicke in ir mæren
cleben / der minnen werc von worten / als golt in dem borten Tr
12994;
nû begunde er an der bâre chleben / als ein vogel ûf dem
chloben KvHeimHinv
724.
–
~
alse/ alsam ein bëch/ harz/ klette/
lîm:
kuͤnc Welf uz India, / mit stoltzer ritterschaft vrech, /
die clebten als ein bech / in der vinde scharn WhvÖst
6220;
daz hemde klepte im an der hût / alsam ein harz und als
ein bech KvWTroj
38428;
Ottok
17073;
an im si klept alsam ain klet SHort
2657;
Unwarheit sprach: ‘da klebe ich an den herren als ein lin.’ Stolle
(Z)
108:J.36,2
MWB 3,1 324,18; Bearbeiter: Richter
klëbenetze
stN.
‘Netz’, in Glossenbelegen, vgl. AWB 5,226
MWB 3,1 325,15; Bearbeiter: Richter
klëber
Adj.
‘klebrig’
erdin di heizit pictumen. div ist clebir PrMd
21;
der helt küen als ein wilder eber / der warf [um
den Feueratem des Ochsen zu blockieren] den lîm starc unde cleber
/ den ohsen grôz und êrîn / durch beidiu naselöcher în / und hete in schiere dâ
behaft KvWTroj
9728;
Gen
156;
Loheng
5415.
– übertr.:
iezo hete sih behaft / under in [Pilatus und seinem
Ziehbruder] beider sit / der clebere unde der greibe
[herbe] nit Pilatus
2,194.
– in Vergleichen:
ir mut ist kleber als ein hartz, / wa sie bejagen den gewin
Physiogn
94;
ob di vuchtikeit, di do vs der bere dringit, si klebir also
lym Pelzb
135,23
MWB 3,1 325,17; Bearbeiter: Richter
klëber
stMN. (?)
‘klebrige Masse’
kliber GlAnzfKdVz
8:493,43
MWB 3,1 325,30; Bearbeiter: Richter
klëbereht
Adj.
‘klebrig’, hier übertr. ‘an weltlichen Dingen hängend’ (vgl.
klëberic
):
die nature; die ist als klebrecht in vil menschen und wil ie
etwas haben dar an si hange Tauler
145,6;
etliche menschen sint als ungelossen und klebrecht ebd.
145,8
u.ö.
MWB 3,1 325,32; Bearbeiter: Richter
klëbergaʒʒe (?)
swF.
unklar, ob Syntagma.
Gasse, in der Lehmbauhandwerker ansässig sind:
ein hofstat vnd ein hvse in der klæber gazzen UrkCorp (WMU)
1602,20
MWB 3,1 325,38; Bearbeiter: Richter
klëberic
Adj.
‘klebrig’, hier übertr. ‘an weltlichen Dingen hängend’ (vgl.
klëbereht
):
unser kinder die sint gar luter an iren grúnden; aber si
sint ze klebrig und wellent gerne bevinden und smacken und vernúnftig erkennen
haben Tauler
355,17;
so sint die leiden sinne und die nature also kleberig und die
leiden ougen schalkehte, die sleht ie zuͦ und suͦchet daz sine in allen dingen, do
wurt alzuͦ sere mit vervinstert das verklerte erbe ebd.
64,7
MWB 3,1 325,42; Bearbeiter: Richter
klëbermer
stN.
auch glibermer (
HvNstAp
8347
), s.a. auß dem kleben mer (
ebd.
6852
).
pseudoetymol. Verdeutlichung zu →
lëbermer
(dort auch Lit.),
‘Lebermeer’, legendärer, geronnener Teil des Ozeans, in welchem Schiffe
steckenbleiben:
dô kam ein starker sturmwind / und warf die ellenden kind, / daz vil
wunderlîche here / ûf daz wilde klebermere Orend
366.
390.
1716;
die judent woltent sament gar, / swel cristan si erkandent, /
wisen von den landen / und rihten in daz cleber mer SHort
10319;
HvNstAp
10941.
– als ferner Ort:
vnd wer ir [der angreifenden Heiden] vf der erden
vntz an daz kleber mer: / mit viertzig heilden werden so wer ich in ein her
[mit 40 tüchtigen Helden wäre ich ein Heer gegen sie]
WolfdD
950,1.
– übertr.:
du habist liep, leit, frod, sere, / in disem wilden kleber
mere / bit si [Maria, maris stella als leitender Stern am
Himmel] dir sin ain verje! SHort
628;
wie dv das wiselose her / ab der svnden clebir mer / zeselden stade lendest
Martina
158,30.
4,60.
79,97
MWB 3,1 325,51; Bearbeiter: Richter
klëbersê
stM.
‘Lebermeer’ (siehe v.a.
klëbermer
):
do kam Achirones paren [Sohn] / und det uns mit
schussen we / und traib uns in der [La. den
] kleberse HvNstAp
6904
MWB 3,1 326,8; Bearbeiter: Richter
klëbetuoch
stN.
‘Flicken’, in Glossenbelegen, vgl. AWB 5,227
MWB 3,1 326,12; Bearbeiter: Richter
klëbewort
stN.
bildl. ‘Worte, die in das Gespräch eingeflochten sind’ wie Goldfäden in der
Borte (vgl. z.St. 2Okken, Tr.):
ir offenlîchiu mære, / mit den si wunder kunden, / diu
begundens under stunden / mit clebeworten underweben; / man sach dicke in ir mæren
cleben / der minnen werc von worten / als golt in dem borten Tr
12993
MWB 3,1 326,14; Bearbeiter: Richter
klêblat
stN.
‘Kleeblatt’
von disses reines trore [Tropfen] /
get ez cleblat her vore / grune in grozer vette Daniel
1746
MWB 3,1 326,21; Bearbeiter: Richter
klêbluome
swMF.
‘Kleeblüte, blühender Klee’
der klê den snê von hinnen vertriben hât, /
[...] : / da [bei der grünen
Linde] suln wir reien den meien, klêbluomen lesen SM:HvS
1: 13,4;
diu tal, diu val den winter ê sint gewesen, / da siht man ze
ringen ûf dringen klêbluomen vil ebd.
1: 19,2.
– als Symbol für eine Tugend:
da sol sin ain lyli gantzer kúnschkait, da sol sin ain rôs brinnender minne
[...], da sol sin kle bluͦmen guͦter beschaidenheit
PrGeorg
317,5
MWB 3,1 326,24; Bearbeiter: Richter
klêboum
stM.
zur Übers. von lat. schinus
‘Mastixbaum’ (Pistacia lentiscus L., vgl. Marzell 3,794):
‘wâ schuof der jüngelinc / mit der frouwen sîniu dinc?’ / er
sprach: ‘under einem klêboum [
sub scino Dn 13,54; vgl. auch Anm.z.St.] .’
EnikWchr
18825
MWB 3,1 326,34; Bearbeiter: Richter
kleckel, klechel
stM.
‘Klöppel, Glockenschwengel’
zwo glocken waren druz gedræt mit kunste, / di cleckel drin von golde, / der
richeit zeiner vollekomen gunste JTit
434,4;
der ein in die glocken sach / und sach, daz ein nâter lanc /
sich an den klechel swanc; / dâ von muost diu glock klingen EnikWchr
26456.
26467;
Ottok
66580.
66584.
– bildl.:
dins mundes klechel stürmet sere uf iren schaden Frl
5:119G,7
MWB 3,1 326,40; Bearbeiter: Richter
klecken
swV.
auch klechen, klæchen. Prät. auch klackte.
1
‘knallen, krachen’ (s.a.
krecken
) 2
‘(Schlamm-)Kleckse machen’ oder ‘(knallend, klatschend) schlagen’ (?) 3
‘Aufmerksamkeit erregen’ , ‘ein bestimmtes Maß/ Ergebnis
erreichen’
4
‘jmdm. genügen, ausreichen’
5 in umgekehrter Perspektive zu 4
‘Genüge haben, gedeihen (an etw.)’
1
‘knallen, krachen’ (s.a.
krecken
):
do wrden donre groze / mit manegem grozen doze / kleckende
und schellende, / chrachende und hellende RvEWchr
11558.
– subst.:
von dem grimmen klecken der
egstlichen [schrecklichen] hamerschlege
Seuse
545,15
2
‘(Schlamm-)Kleckse machen’ oder ‘(knallend, klatschend) schlagen’
(?):
dô wart sî [die Angegriffene] ouch
in zorne heiz / und allumme taste / unde schutte vaste / des
mottis [Schlamm] dem vorschertin tôrn / in munt, in
nase und in ôrn / und ûf [adv., oder l. ûf in
] sô lange clekte, / unz sî in gar
vorstekte [erstickte]
NvJer
14781
3
‘Aufmerksamkeit erregen’, ‘ein bestimmtes Maß/ Ergebnis
erreichen’
so vil suozer er smacte, / daz dawider unhohe [(zu)
wenig] chlacte / aller edelen würce smac [er (der
Leichnam) roch so lieblich, dass alle edlen Wohlgerüche dahinter
zurückblieben]
Serv
2220
4
‘jmdm. genügen, ausreichen’
dir enclec och nit das das du armen luͥten gist din guͦt durch goͮt
PrSchw
1,88;
zwayger hundert phenninge wert brôtez klechent in niht. dc iegelichem ain
wenich werde ebd.
2,107.
2,13;
der wein manigem chlechet / das er zu hant entekchet / sein
laster und sein schande HvBurg
233
5
in umgekehrter Perspektive zu 4
‘Genüge haben, gedeihen (an etw.)’
got nu selber nam [Marias
Mutterbrust] / fúr alles das er ie gewan, / und sú mit wirdi
prisen kan, / wahsen, klæchen wolt dar an WernhMl
1054
MWB 3,1 326,49; Bearbeiter: Richter
kleffærinne
stF.
→
klaffærinne
MWB 3,1 327,15;
kleffel
stM.
→
klepfel
MWB 3,1 327,16;
kleffelen
swV.
‘klappern’
beide schüsseln und leffeln / hoͤrt man wenig bi mir kleffeln / so selten umbe
minen hert KgvOdenw
13,22
MWB 3,1 327,17; Bearbeiter: Richter
kleffen
swV.
→
klaffen
MWB 3,1 327,20;
kleffic, kleftic
Adj.
auch klaffic.
‘geschwätzig’
dv bist Agathon der klaffige hinder reder
[Verleumder]
VitasPatr
322,26;
nút gæche, nút klæffig, nút balt, nút los, / nút
hinderredig, nút verlogen WernhMl
5900;
wes augen groß sind, die sind träg,
[...] dem si hoch sind unnd weit offenn, der ist ain
unkeüscher mensch und kläfftig HvHürnh
46,14;
man chlafiger [interl. zu vir linguosus
]
PsM
139,12;
BrAlt
7;
Bihteb
32.
40;
BdN
51,34
MWB 3,1 327,21; Bearbeiter: Richter
kleffisch
Adj.
auch clefs (
Pass I/II (HSW)
22999
).
‘geschwätzig’ (s.a.
kleppisch
):
we und we dem herzen, / daz eine clefsche zunge hat, /
[...] ! / di zunge im selden nider lit, / des ist daz
herze sunder ru Pass I/II (HSW)
10811
u.ö.;
Vät
23351;
diern und knehte unnütze sint, / kleffisch und freidic [trotzig,
übermütig] sint nu diu kint Renner
6204;
der cleffesche man wirt nit berichtet off der erden BrEb
7;
HlReg
54,33;
Hiob
4065;
garrulus haizt ain heher, und ist ze latein als vil
gesprochen als ain klaffer, sam Isidorus spricht, wan er ist kläffischer dan kain
ander vogel und hât ain unmæzig stimm BdN
199,9
MWB 3,1 327,30; Bearbeiter: Richter
klefse
F.
→
kafse
MWB 3,1 327,43;
klefte
stN.
‘leeres Geschwätz’
swer da cechirchen wil stan / und læt sin herce unmuze han /
mit werltlichem geschæfte, / so ist daz gebet ein chlæfte StrKD
105,20;
sie irrents ir geschefte / mit unnützem klefte Helbl
2,1390
MWB 3,1 327,44; Bearbeiter: Richter |